Ende eines Urlaubs

Ich hatte gerade einen dreiwöchigen Urlaub in Brasilien hinter mir. Am Flughafen von Natal stehe ich in der Boardingschlange. Zum Glück geht es zügig voran. Die Stewardess nimmt Pass und Ticket entgegen. Ich bin hundemüde von einer durchfeierten Nacht. Ich will nur noch einsteigen, meinen Sitzgurt festzurren und schlafen. Aber zu meiner Überraschung winkt sie mich nicht an sich vorbei, sondern deutet stumm mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich.
Zwei Uniformierte stürmen scheinbar aus dem Nichts herbei. Ruckzuck werde ich mit hochrotem Kopf und auf den Rücken gefesselten Händen abgeführt.
Ich versuche den Grund für meine Verhaftung zu erfahren. Ich spreche neben Deutsch, ganz passables Englisch, die Beamten leider nicht. Sie bleiben stumm und ziehen mich unsanft an den Handschellen hinter sich her.
Der Polizeiwagen, ein Renault Duster, steht geräuschlos, aber mit laufendem Blaulicht vor dem Terminal. Taxifahrer entladen das Gepäck ihrer Passagiere, die derweil eine letzte Zigarette rauchen, um dann im Flughafengebäude zu verschwinden.
Mein Erstaunen weicht blankem Entsetzen, als einer der Polizisten den Kofferraum öffnet. Durch einen Wink mit der Dienstwaffe fordert er mich auf, dort Platz zu nehmen. Meine Körperstatur hindert mich daran aufrecht auf dem blanken Boden sitzen, als sie meine Handschellen hinterrücks an der Seitenwand des Fahrzeugs fixieren.

Nach einer schier endlosen Stunde kommt das Fahrzeug zum Stehen. Mein Hintern schmerzt und die Handgelenke sind durch die Schüttelei, während der rasanten Fahrt auf Natals Straßen, aufgescheuert.
Im Inneren des Polizeigebäudes werde ich in einen gekachelten Raum geführt. Ich muss mich vor den Beamten vollständig entkleiden. Nachdem man mir unsanft sämtliche Körperöffnungen mit Latexhandschuhen und Taschenlampe durchsucht hat, nehme ich auf einem schäbigen Plastikstuhl platz. Beschämt und nackt sitze ich dort. Mein schwitzender Körper schwimmt förmlich auf der klebrigen Sitzfläche.
Ein Polizist, mit Rangabzeichen auf der Schulter, nimmt mir gegenüber Platz. Er blättert geschäftig durch meinen Reisepass und spricht unablässig in Portugiesisch auf mich ein. Ich verstehe kein Wort. Ein Übersetzer ist nicht zugegen, daher gibt er seine Bemühungen nach einer Weile auf.
Bis auf Gürtel und Schnürsenkel, erhalte ich meine Kleidungsstücke zurück und ich ziehe mich wortlos wieder an. Was man mir vorwirft, erfahre ich nicht. Er wirft mir meine angebrochene Schachtel Zigaretten zu.
“Leva-o embora”, ruft er einem Untergebenen zu.

Dieser fesselt mich erneut und bringt mich in den Zellentrakt.

Im Zellentrakt reiht sich Zelle an Zelle. Sie sind durch bloße Stahlgitter vom Gang getrennt. Wie im Wilden Westen.
Während der Wärter die Zellentür öffnet, werfe ich einen Blick hinein. Die Zelle umfasst zwanzig Quadratmeter, besitzt zwei Stockbetten links und rechts und eine verdreckte Porzellantoilette ohne Brille. Es ist heiß und der Gestank von Schweiß und Fäkalien raubt mir fast den Atem, als er mich unsanft durch die Gittertür stößt. Die ursprünglich für vier Insassen ausgelegte Zelle ist mit einem guten duzend Brasilianern deutlich überbelegt. Die schwitzenden Oberkörper der Insassen sind zumeist unbekleidet und großflächig tätowiert. Gangmitglieder, vermute ich.
Auf den vier Bettgestellen, von denen nur eines eine verdreckte Matratze aufweist, sitzen offensichtlich die Anführer der Zelle. Der Kerl auf der Matratze nimmt mich gelangweilt in Augenschein, dann winkt er den anderen zu und sofort stürmen sie auf mich zu.
Sie malträtieren mich mit Fausthieben und Tritten, bis ich ermattet zu Boden gehe. Ich wehre mich nicht gegen die Übermacht. Dann lassen sie von mir ab und ziehen sich wieder auf ihre Plätze zurück. Ein paar von Ihnen liegen auf ausgebreiteten Handtüchern. Der Rest sitzt wie ich auf dem nackten Steinfußboden, mit an die Wand gelehntem Rücken.
Ich wage es kaum, sie anzuschauen, aus Angst, sie könnten es als Provokation betrachten. Übermüdet und geschunden, schlafe ich irgendwann ein. Zu meiner Überraschung erwache ich lebend am nächsten Morgen. Man hat mich nicht aus Spaß, grundlos, im Schlaf ermordet.
Vom Gang her hört man Schritte. Meine Mitgefangenen versammeln sich mit Blechschalen und Plastiklöffeln am Zellengitter. Essensausgabe, denke ich und reihe mich ganz hinten in die Schlange ein.
Man händigt auch mir Besteck und Schale aus, sowie ein trockenes Brötchen und eine Kelle Reis. Reis, sonst nichts. Mit meiner Ration will ich mich gerade wieder in meine Ecke zurückziehen, als ich etwas Scharfes an der Kehle spüre.

“Dinheiro, Gringo”, raunzt mir ein schmächtiger Typ zu.

Ich soll für mein Essen bezahlen. Das verstehe selbst ich. Mit starr gerecktem Hals, klemme ich mir den Löffel unter den Daumen, der die Schale hält, und krame mit der nun freien Hand in meiner Hosentasche. Ich befördere den Rest meiner Zigaretten hervor und reiche sie ihm. Er gibt sich damit zufrieden und lässt von mir ab.
Ab jetzt bin ich mittellos. Lustlos schaufele ich die karge Mahlzeit in mich hinein. Ich habe seit über vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Hoffentlich komme ich bald hier raus.

In der Zelle ist es laut. Gelächter schallt von den Wänden wider. Offensichtlich hat jemand einen Witz zum Besten gegeben. Ich sitze seit Stunden bewegungslos herum. Ich habe niemand, mit dem ich ein Wort wechseln könnte, selbst wenn ich wollte. Meine Gedanken kreisen einzig und allein um den Grund für meine Verhaftung. Jeden einzelnen Urlaubstag repetiere ich im Geiste vorwärts und rückwärts.
Als sich ein Schlüssel im Zellenschloss dreht, schrecke ich auf. Es dämmert schon. Offensichtlich ist es bereits später Nachmittag.

“Seu advogado está aqui, Gringo”, ruft der Wärter in meine Richtung.

Advogado, ich überlege. Ich vermute, das bedeutet Anwalt. Meine Laune hebt sich sprunghaft, obwohl ich erneut in Handschellen gelegt werde.
Wieder sitze ich in einem kahlen Raum auf einem Plastikstuhl. Aber dieses Mal sitzt mir ein Anzugträger mit Krawatte gegenüber. Dem Typ nach, schätze ich ihn als Brasilianer ein. Aber zu meiner Überraschung beginnt er das Gespräch auf Deutsch. Mit Akzent zwar, aber fließend.

“Guten Tag, sind sie Herr Schmitt?”
“Ja, Michael Schmitt. Und Sie sind?”
“Mein Name ist Gustavo Meido. Sie haben Glück Herr Schmitt. Laut internationalem Abkommen, muss bei der Inhaftierung ausländischer Gäste, das jeweilige Konsulat informiert werden. Das hat die hiesige Polizei auch in Ihrem Fall getan.”
“Sie schickt also das Konsulat?”
Der Mann räuspert sich. “So ist es. Nun Herr Schmitt, wissen Sie, weshalb Sie hier sind?”
“Nein, ich habe nicht die geringste Ahnung.”
“Man hat beim Einchecken, ihr Gepäck durchleuchtet und ist fündig geworden.”
“Wie, fündig? Was hat man gefunden?”

Ich denke angestrengt nach. Ich hatte eine hübsche Muschelschale vom Strand aufgehoben und als Andenken in den Koffer gepackt.
“Ist es die Muschel? Steht die etwa auf der Artenschutzliste?”
“Nein Herr Schmitt, das heißt, ich weiß es nicht. Ist es richtig, dass sie neben ihrem Koffer eine Katze aufgegeben haben?”
Die Katze also. Ich hatte sie für einen Holländer mit nach Europa bringen sollen. Huub heißt er und wir hatten uns direkt zu Beginn meines Urlaubs an der Hotelbar kennengelernt.
“Ja, das ist korrekt. Aber die gehört mir nicht. Ich habe…”
Der Anwalt unterbricht mich.
“Nun, bei der Katze befanden sich vier Kilo Kokain, versteckt im Käfigboden.”

Augenblicklich werde ich kalkweiß. Dieser Arsch, denke ich. Huub und ich hatten uns angefreundet und zwei Wochen lang zusammen die Umgebung unsicher gemacht. Er hatte sich als Immobilienmakler aus Utrecht vorgestellt. Er wäre mit einer Brasilianerin verheiratet und beide würden jetzt, wo die Kinder im schulpflichtigen Alter wären, zurück nach Holland gezogen.
“Meine Frau und die Kinder sind schon dort, weil das Schuljahr bereits angefangen hat”, hatte er gesagt.
“Ich bin jetzt wieder zurück, um den Haushalt hier aufzulösen.”
Dann hatte er mir erzählt, dass er noch ein paar Wochen in Natal verbringen müsse, die Kinder aber täglich nach der verbliebenen Katze fragen würden. Und ob ich diese nicht mit mir nach Düsseldorf nehmen könne. Seine Frau würde sie dort am Flughafen in Empfang nehmen.
Der Anwalt reißt mich aus meinen Gedanken. “Hallo Herr Schmitt? Entspricht das so der Richtigkeit?”
“Ja”, antworte ich einsilbig und erzähle ihm den Ablauf.
“Das ist übel”, entgegnet Herr Meido, “vor dem brasilianischen Gesetz, wie vor Ihrem auch, sind sie schuldig.”
“Aber wie hätte ich…?”
“Spielt keine Rolle. Sie haben die Katze als persönliches Gepäckstück aufgegeben.”
“Und wenn ich als Zeuge die Wahrheit erzähle?”
“Herr Schmitt, kennen Sie die Wahrheit? Wie heißt Ihr Freund Huub denn mit Nachnamen? Sind sie sicher, dass sie seine wahre Identität kennen? Waren sie jemals bei ihm Zuhause? Wenn das Haus nicht nur gemietet war?”
Ich überlege. Der Anwalt hat recht und ich bin gutgläubig einem Drogenschmuggler auf den Leim gegangen.
“Und? Wie sehen meine Optionen aus? Kriegen Sie mich hier raus? Komme ich in Deutschland vor ein Gericht?”
Meido lacht heiser. “Nein. Keine Chance. Wir werden natürlich mit dem Richter sprechen, aber das er Ihnen die Unschuld abkauft, geschieht… sagen wir mal in einem von einer Millionen Fälle. Man wird sie hier vor Gericht stellen.”
“Und wann? In den nächsten Tagen?”
Der Anwalt schüttelt mit dem Kopf.
“In ein paar Wochen?”
Der Anwalt schüttelt den Kopf erneut und grinst.
“Monate?”
“Nein Herr Schmitt, vermutlich in fünf bis zehn Jahren. Solange dauern die Dinge hier.”
“Was?”, mir stockt der Atem, “und sie können nichts für mich tun?”
“Aber doch, Herr Schmitt”, antwortet Gustavo Meido, “wir werden Sie in ein Bundesgefängnis verlegen lassen. Anderenfalls schickt man Sie morgen ins Staatsgefängnis von Mossoró. Dort überleben sie vielleicht einen Monat, vielleicht zwei Monate…”

Bild von Claudio_Scott auf Pixabay

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