Des einen Freud, des anderen Leid

“Fopp, fopp, Hee Doptoa, die Pefäupuung fierkd nif”, entkam es dem Patienten aus dem mit Watte vollgestopften Mund.

Der Zahnarzt drückte mit dem Bohrer noch einmal kurz besonders fest zu, dann legte er Ihn beiseite. Herr Meyer war heute nur zu einer Routineuntersuchung angetreten.

Schlechte Entscheidung, grinste Dr. dent Rademacher unmerklich in sich hinein. Vermutlich waren Meyers Zähne picobello, aber das wusste dieser natürlich nicht.

“Keine Sorge, Herr Meyer, jetzt halten Sie doch mal ganz kurz den Absaugschlauch. Ich setze noch mal eine Spritze hinterher. Bei einem großen Entzündungsherd, mit viel Eiter, kann es schon mal sein, dass die Betäubung nicht richtig wirkt.”

Demonstrativ hielt er Meyer das präparierte Lidocainfläschen vor die Nase.

“Hier, Herr Meyer, sehen Sie, ich habe noch was davon. Wollen wir noch ein Spritzchen nehmen?” Ein leichter Wonneschauer ergriff ihn.

“Ja, biffe Hee Doptoa.”

Der Arzt sah den Patienten ernst an, so als würde er ihm seine volle Aufmerksamkeit schenken. Er hatte sich am Vortag gründlichst auf die kommenden Behandlungen vorbereitet. So hatte er vorsichtig das Betäubungsmittel durch Wasser ersetzt. Dass die Einstichmembran des Fläschchens bereits ein winziges Loch hatte, konnte sein Opfer aus dieser Entfernung unmöglich erkennen.

Ob die Injektionsnadel die Richtige war, wusste Rademacher nicht. Er hatte verschiedene Nadeln ausgepackt, sie im Vorfeld fein säuberlich auf dem Schreibtisch nebeneinander aufgereiht und sich dann für die vermeintlich schmerzhafteste Kanüle entschieden.

Nun stach er diese tief in Meyers Zahnfleisch und drückte den Kolben mit ansteigender Erregung nach unten. Dann ging er zum Fenster und sah hinaus. Nicht nur wegen des strahlenden Sonnenscheins, würde er heute einen wundervollen Tag haben. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er sich nach getaner Arbeit in einen Biergarten setzten sollte.

“Und Herr Meyer, wirkt’s schon?”, fragte er mit erhobener Stimme grinsend die Fensterscheibe.

“If weif nif, vieleift?”

Der Mann im weißen Kittel trat wieder an den Behandlungsstuhl.

“Ein Wunder, Herr Meyer, dass sie nicht schon seit Tagen höllische Schmerzen gehabt haben”, sprach er das Bündel Elend an, “wahrscheinlich ist die Zahnwurzel schon am Ende. Das kommt vor.”

“Aha”, nickte Meyer, “da haf if ja Glügg gehaft.”

Dr. dent Rademacher, der eigentlich Schröder hieß, nahm den hydraulischen Bohrer in die Hand.

“So, jetzt noch mal schön weit aufmachen…”

Als der Bohrer erneut zu kreischen begann, füllte sich die Raumluft merklich mit dem Geruch von verbranntem Zahn. Er genoss jeden Augenblick und während er bohrte sah er mit rasender Begeisterung, wie sich Meyer bizarr im Stuhl wand und krümmte und sich dessen Augen mit Wasser füllten.

Das befriedigte den gelernten Drucker deutlich mehr, als die endlos langen Nächte an der riesigen Heidelberger Druckmaschine, bei der benachbarten Kreiszeitung. Zum Glück war ihm vor ein paar Nächten, auf dem Probedruck, eine interessante Annonce aufgefallen.

“Urlaubsvertretung für Zahnarztpraxis gesucht, ab sofort.”

Zeitungen zu drucken, das war sein Beruf. Diplome zu fälschen, das dagegen war eines seiner Hobbys und vielleicht sogar das harmloseste.

Schröder seufzte versonnen. “Ach ja, des einen Freud, des anderen Leid.”

“Wie biffe, Hee Doptoa, dee Boha wah fo lauf, waf aben fie gefaagt?”

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