Trauer

“Schatz, kommst Du? Der Kaffee ist fertig.” Er setzte die Kanne auf dem Esstisch ab, steckte noch einen Löffel in die Sahneschüssel und ging zu ihr ins Wohnzimmer. Sie saß in ihrem Lieblingssessel, dem Fernsehsessel, aus dem die Fußstütze herausklappte, sobald sie sich genüsslich zum Schlafen zurücklehnte. Sie schlief. Ihre Hände lagen friedlich auf der Wolldecke, die sie sich über die Beine geschlagen hatte. Neuerdings fror sie schnell.

“Engelsche, kumm, et jibt Keeschkooche.”

Er fasste sie an der Hand. Sie fühlte sich noch kälter an als sonst und als er in ihre toten Augen blickte, wusste er, dass der Arzt ihr nicht mehr helfen würde.

Leise zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich neben sie und weinte mit dem Kopf auf ihrem Schoss. Als er wieder aufsah, dämmerte es bereits. Gemächlich erhob er sich. Er griff behutsam unter ihren Körper und trug sie auf seinen Armen die Treppe hoch und ins Schlafzimmer. Sie war nicht schwer. Vorsichtig, wie ein Kleinkind, dass auf dem Sofa eingeschlafen war, entkleidete er sie und zog ihr zum letzten Mal ihr Lieblingsnachthemd mit den Spitzen an. Dann zog er sich seinen besten Pyjama an und legte sich zu ihr ins Bett.

Er griff zum Telefon und drückte eine gespeicherte Kurzwahlnummer. Es klingelte nur ein einziges Mal, bevor der Anrufbeantworter ansprang. Er hatte das erwartet und so sprach er ihrem langjährigen Hausarzt die Bitte aufs Band, am nächsten Morgen dringend vorbeizuschauen. Für Notfälle besaß Dr. Jansen ihren Haustürschlüssel.

Er legte den Hörer auf und öffnete die Nachttischschublade. Er musste einen Augenblick kramen, dann fand er die kleine Medikamentenschachtel, die sie sich extra für diesen Tag aus der Schweiz besorgt hatten.

Er war es also, der die Tablette nehmen würde. Das war bis heute die einzig verbliebene Frage zwischen den beiden Eheleuten gewesen.

Und so entnahm der die Pille mit zittrigen Fingern ihrer Verpackung und schluckte sie ohne zu zögern und ohne Wasser hinunter. Dann drehte er seine Liebste auf die Seite, zog ihren Rücken ganz dicht zu sich heran und deckte sie und sich ordentlich zu, bevor er sie mit seinem Arm umschlang. Noch eine ganze Weile lang streichelte er ihren Bauch, so wie sie es gern hatte; bis auch seine Augen für immer zufielen.

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