Der Schreihals

Wie aus dem Nichts war vor ein paar Tagen ein Fremder in unserem Städtchen aufgetaucht und in das leer stehende Haus am Strand eingezogen.

Wie immer stand mein Mittagessen schon auf dem Tisch, als ich aus der Schule kam. Linsensuppe mit Speck und Würstchen. Mein Leibgericht. Ich fügte noch ein paar Spritzer aus der Maggi-Flasche hinzu. Stumm aß ich, bis der Teller leer war, denn ich hatte niemanden zum Reden.

Ich räumte mein Geschirr in die Küchenspüle und holte mir ein Buch aus meinem Zimmer. Dann stieg ich die schmale, knarrende Treppe hinab in die Metzgerei. Links von mir war mein Vater im Schlachtraum zugange. Ich hörte die knallenden Schläge, mit denen er gezielt Stücke von einem Tier abtrennte, die hinterher als Filets, Koteletts oder Würstchen auf Mutters Theke ausliegen würden. Meine Klassenkameraden gruselten sich davor, deswegen besuchten sie mich nie zu Hause. Für mich hingegen war das der normale Alltag.

Ich betrat den Laden. “Hallo Mama”, grüßte ich meine Mutter, die sich angeregt mit einer Kundin unterhielt. Ich setzte mich auf meinen Schemel in der Ecke und schlug mein Buch am Lesezeichen auf:

Bald darauf traf Tom den jugendlichen Ausgestoßenen des Städtchens,

Huckleberry Finn, den Sohn eines Trunkenboldes.

Huckleberry war bei allen Müttern in der Stadt gefürchtet und gehasst,

denn sie fanden ihn gewöhnlich, schlecht und unbeaufsichtigt.

“… der soll ja im Gefängnis gewesen sein”, sagte Frau Dierksen so laut, dass ich gespannt von meinem Buch aufsah und horchte.

“Woher wissen Sie das denn?”, fragte Mutter.

“Das erzählen sich die Leute. Aber ich geb’ ja nichts auf Geschwätz.”

Frau Dierksen entschied sich für ein Pfund Hackfleisch und zwei Mettwürstchen.

 “Fest steht aber, dass er krumme Geschäfte macht, denn arbeiten tut er nicht. Wie sonst kann sich so einer das Haus der verstorbenen Kruse leisten?”, erklärte die Dierksen.

“Jetzt sitzt der den lieben langen Tag vorm Haus und raucht Pfeife, als wenn er nix besseres zu tun hätte.”

Meine Mutter wog die Waren ab und fragte: “Ach, das haben Sie gesehen?”

“Ja”, entgegnet die Kundin, “ich muss doch immer da vorbei. Auf dem Weg zum Friedhof.”

Meine Mutter überreichte ihr einen Stapel kleiner Päckchen. Frau Dierksen verstaute sie in ihr Einkaufsnetz. Sie kramte ein paar kleine Scheine und Münzen aus ihrer Geldbörse und legte sie auf die Geldschale.

“Tschüss Frau Hinrichs, bis die Tage…”, verabschiedete sich Frau Dierksen, aber auf dem Weg hinaus, drehte Sie sich noch mal um. “… und jedes Mal beschimpft der mich aufs Schlimmste und zuckt ganz komisch.”

Dann klingelte die Ladentür und sie war weg.

“Aber der Friedhof ist doch direkt an der Kirche”, stellte ich fest, “Wieso kommt die denn am Strand vorbei?”

“Das weiß nur der liebe Gott”, lachte meine Mutter.

#

Der Fremde war ein paar Wochen lang Ortsgespräch gewesen, weil er jeden, der auf ihn traf, mit einer Schimpftirade überzog. Daher mieden die Einwohner nun den Strandabschnitt vor seinem Haus. Wenn er selbst zum Einkaufen in den Ort kam, dann wechselten sie blitzschnell auf die andere Straßenseite.

Ich selbst sah den Mann nur ein einziges Mal aus der Entfernung. Ich saß wie so oft auf meinem Hocker im Laden. Ganz fasziniert flog ich durch die Buchseiten vor mir und fieberte mit Phileas Fogg mit, der gewettet hatte, er könne in 80 Tagen um die Welt reisen. Aus dem Augenwinkel sah ich einen Schatten vor unserem Schaufenster. Neugierig blickte ich durch die Scheibe und da stand er. Er schaute genau in meine Richtung. Wie getrieben, blinzelte er alle paar Sekunden und sein rechter Mundwinkel zuckte immer wieder.

“Arschloch!”, rief er mir von draußen zu. “Blöder Wichser!”

Schnell hielt ich mir das Buch vors Gesicht. Als ich wieder dahinter hervorschaute, war er weg.

“Was hab ich ihm denn getan?”, fragte ich meine Mutter.

“Nichts”, antwortete Mama, “das ist eine Krankheit. Der kann nichts dafür.”

Sie erzählte mir von einer Krankheit namens Tourettesyndrom. Viel wusste sie auch nicht darüber, aber sie gab ihr Bestes, um mir das Wenige zu erklären.

“Stell Dir vor, Dir würde ein unsichtbarer Geist folgen und Dir ständig gegen den Hinterkopf hauen und vor Schreck würdest Du jedes Mal mit dem Gesicht zucken und laut schimpfen.”

“Das wäre ja toll”, sagte ich, “dann könnte ich alle Lehrer beschimpfen und keiner dürfte mir böse sein.”

Mama schüttelte den Kopf: “Siehst Du, wie ihn alle meiden? Sie lachen über ihn und verbreiten schlimme Gerüchte. Wahrscheinlich wärst Du dann ziemlich einsam, genau wie er.”

“Ach Mama”, sagte ich, “mich besucht ja doch keiner. Alle haben sie Angst, dass bei uns alles voller Blut ist und überall tote Tiere hängen.”

Mutter seufzte und nahm mich in den Arm. “Das ändert sich bestimmt, wenn ihr etwas älter seid.”

#

Meine Mutter hatte Recht behalten. Die Monate waren ins Land gezogen und endlich bekamen wir Schulzeugnisse. Ich war mit meinem Zeugnis ganz zufrieden und der Lehrer hatte mich gelobt. Viel wichtiger war aber: Ich hatte zwischenzeitlich einen richtigen Freund und der hieß Jürgen.

Eines Tages war Jürgen mit seiner Mutter in unsere Metzgerei gekommen. Wir waren in derselben Klasse, daher grüßten wir uns. Meine Mutter lud beide spontan auf Kaffee und Kuchen ein und bei der Gelegenheit zeigte ich meinem Mitschüler den ganzen Metzgereibetrieb. So richtig wohl fühlte er sich nicht, als er eine Wanne mit Blut entdeckte, die mein Vater gerade zu Blutwurst verarbeitete. Aber wenigstens hatte er nun keine Angst mehr.

Wir besuchten uns von da an gegenseitig. Wenn er zu uns kam, huschte er, so schnell er konnte, durch den Flur bis zur Treppe, die ihn dann mit lautem Gepolter ankündigte.

Endlich Sommerferien. Ich war mit Jürgen verabredet. An diesem Tag hatten wir strahlenden Sonnenschein und so wollten wir schwimmen gehen. Mutter hatte uns eine Tasche mit Saft und belegten Broten eingepackt.

“Aber geht nur bis zur Hüfte ins Wasser”, ermahnte sie uns, “ihr seid beide keine Meisterschwimmer.”

Ich protestierte. Schließlich besaß ich seit Neustem das bronzene Schwimmabzeichen. Ich versprach, dass wir vorsichtig sein würden. Dann machten wir Jungs uns in Badehosen und auf unseren klapprigen Fahrrädern auf zum Strand.

Am Meer angekommen, schoben wir unsere Räder durch den Sand. Wir stellten sie nebeneinander auf und warfen unser größtes Badehandtuch darüber, damit wir im Schatten sitzen konnten. Jürgen hatte von seinem Vater ein kleines Radio bekommen und so hatten wir sogar Musik.

Dann gingen wir beide ins Wasser. Wir schwammen eine Weile und spritzten uns gegenseitig Wasser ins Gesicht. Aber wir achteten darauf, dass uns das Wasser im Stehen nicht höher als bis zum Bauchnabel stieg. Plötzlich sah ich etwas Rotes, Rundes auf dem Wasser treiben.

“Guck mal Jürgen, da schwimmt was”, schrie ich gegen das Meeresrauschen an.

“Ich glaube, das ist ein Ball.”

“Super, den hol ich uns”, rief ich und schwamm ein paar Züge in Richtung des Objekts.

Ich war allerhöchstens zwei, vielleicht drei Meter von dem Ball entfernt. Das würde ich problemlos schaffen. Aber als ich ihn fast erreicht hatte, trieb ihn die Welle meines Schwimmzuges wieder von mir weg. Ich versuchte es erneut, aber wieder erzeugte ich dabei eine Welle und der Ball machte einen Satz. So trieb ich den Ball weiter vor mir her, bis ich ihn mit einem letzten beherzten Armschwung endlich packen konnte.

“Sieh her, ich hab ihn”, schrie ich in Richtung Strand und stellte dabei fest, dass Jürgen nur noch die Größe einer Puppe hatte. Wie weit mochte es wohl bis zum Strand sein? Einhundert Meter? Oder noch mehr? Ich machte mich auf den Rückweg. Den Ball klemmte ich zwischen beide Arme und schwamm nur noch mit meinem Beinschwung. Dabei gab mir der Ball Auftrieb, wie ein Schwimmreifen. Nach ein paar Metern stellte ich entsetzt fest, dass ich für jeden geschwommen Meter von der Strömung wieder um einen halben Meter zurückgeworfen wurde. So kam ich nur langsam voran.

Jürgen war der Erste, der bemerkte, dass ich es nicht bis zum Strand schaffen würde. Er sah sich verzweifelt nach Hilfe um. Er sprang und wedelte dabei wild mit erhobenen Armen, wie bei den Hampelmännern, die wir im Turnunterricht machen mussten. Laut schrie er um Hilfe – und die kam.

Der Schreihals, wie Jürgen und ich ihn nannten, weil wir seinen Namen nicht kannten, hatte auf seiner Gartenbank gesessen und die Hilferufe gehört. Schnell hatte er uns in einiger Entfernung ausgemacht, war aufgesprungen und zu meiner Rettung geeilt.

Ich war am Ende meiner Kräfte, als er mich erreichte. Er schwamm hinter mich, schob seine Arme unter meinen hindurch und zog mich fest an seine Brust. Dann schwamm er uns beide rückwärts bis an den Strand.

Ich lag auf dem Rücken und atmete schwer. Viel Wasser hatte ich nicht geschluckt, aber ich war völlig erschöpft. Jürgen und der Schreihals saßen neben mir und warteten darauf, dass ich mich wieder von der Anstrengung erholte.

“Danke Schreihals”, entwich es mir.

“Wichser – Arschloch – gern geschehen”, er lachte.

“Selber Arschloch”, antwortete ich und da lachten wir alle drei.

Meiner Mutter erzählte ich nichts davon. Ich zeigte ihr nur meinen neuen Ball und erzählte ihr, dass ich den Schreihals kennengelernt hatte.

Jürgen und ich gingen in diesem Sommer noch oft ans Meer, aber von diesem Tag an machten wir immer einen Abstecher beim Schreihals. Wir kannten mittlerweile seinen Namen, aber ihm schien der Spitzname zu gefallen. Oft saßen wir gemeinsam auf seiner Gartenbank. Er rauchte Pfeife und wir lutschten an unseren Wassereistüten, die er für uns im Eisfach lagerte. Für gewöhnlich belegten wir uns abwechselnd mit Schimpfwörtern und lachten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.