Tag und Nacht

Der Tag

Es gibt drei gute Gründe dafür im dreißigsten Stockwerk zu wohnen. Die Höhe schützt vor Moskitos und den damit verbundenen, ernst zu nehmenden Krankheiten. Außerdem minimiert sie das Risiko, Opfer von bewaffneten Raubüberfällen zu werden. Zu Guter letzt belohnt sie mit einer fantastischen Aussicht. In unserem Fall über die Stadt Natal.
Wie fast alle Metropolen Brasiliens liegt Natal direkt am Meer. Durch die zunehmende Landflucht der letzten zehn Jahre, hat sich die Anzahl ihrer Bewohner auf über 1,5 Millionen verdoppelt.
Der Einwohnerzuwachs hat auch das Stadtbild entscheidend verändert. Unser Stadtteil Tirol ist ganz offensichtlich am Reißbrett entstanden. Er besteht aus rechteckigen Häuserblocks. Begrenzt werden sie, wie mit dem Lineal gezogen, in Nord-Süd-Richtung von breiten Hauptstraßen, deren Fahrtrichtungen von breiten bepflanzten Mittelstreifen getrennt sind. In Reihe und Glied stehen dort zumeist Bäume mit breiten, grünen Kronen. Aus der Höhe betrachtet verleiht dies der Stadt einen sehr grünen Anschein. Die meisten Strassen der Ost-West-Richtung dagegen, lassen sich nur in je einer Richtung befahren. Nach dem morgentlichen Berufsverkehr sind sie zudem plötzlich an beiden Strassenrändern zugeparkt.

Die Wohnblocks waren noch vor wenigen Jahren durchgängig in einzelne kleine Parzellen unterteilt. Meist waren sie zur Strasse hin schmal, dafür aber recht tief. Es war durchaus üblich, dass eine Familie hinter ihrem einstöckigen Haus, mitten in der Stadt einen Hinterhof mit Hühnern hatte. Von der Strasse aus betrachtet, sind sich diese Häuser alle sehr ähnlich.
Die Fassaden bestehen aus Rauputz und lassen erahnen, dass sie einmal weiss gewesen sind. Die brasilianische Flora braucht in der Regel aber nur wenige Monate, bis Pilze und Mose sich ausbreiten und das Mauerwerk mit braunen, grauen und grünen Flecken überziehen. Zur Sicherung gegen Diebstahl werden die Autos der Bewohner meist auf die überdachten Flächen vor dem Haus gefahren, die ehemals als Terrassen gebaut waren.
Doch diese Art von Wohnhaus, ist vom Aussterben bedroht. Alle paar Wochen wird ein weiteres von diesen Häusern verkauft und zugemauert. Meist dauert es dann noch etliche Monate, bis es die Nachbarn ihnen gleichtun. Erst wenn durch den Verkauf einer Handvoll benachbarter Grundstücke eine ansehnliche Fläche entstanden ist, wird diese binnen Tagen eingeebnet und der Grundstein für ein zusätzliches Hochhaus gelegt.

Tagsüber sind die Strassen fast durchgängig verstopft. Vereinzelt mischen sich Maultierkarren unter die Karawanen aus Blech. Zwischen den Autos tummeln sich in Lumpen gekleidete, oftmals junge Männer. Sie treten auf der Fahrbahn heran nahenden Fahrzeugen entgegen und machen auf sich und umliegende freie Parkplätze aufmerksam. Dazu schwenken Sie unübersehbar Handtücher über ihren Köpfen.

Die Nacht

Bedingt durch die Nähe zum Äquator wird es das ganze Jahr über etwa um halbsechs hell und um halbsechs wieder dunkel. Dieser Rythmus ändert sich im Verlauf des Jahres nur minimal.
Der Prozess der Dämmerung geht extrem schnell von statten. Einmal stand ich zum Rauchen auf dem Balkon und sehe, wie die Sonne im Augenblick den Horizont berührt. Das Bild ist wunderschön und ich möchte es mit der Kamera festhalten. Ich stürme in mein Arbeitszimmer, öffne die Kameratasche und stehe nur Sekunden später mit der Nikon wieder auf meinem Platz. Die Sonne ist weg.
Die Dunkelheit der Nacht ändert die Szenerie vollständig. Die Skyline aus Türmen verschwindet fast vor den Augen. An ihre Stelle treten helle Quadrate und Rechtecke, dort wo Bewohner um diese Uhrzeit leben und arbeiten.
Dafür treten nun die Strassen in den Vordergrund. Wie Adern ziehen sie sich nun durch das Stadtbild. Die Farbe des Asphalts ändert sich im Schein der Straßenlaternen von Grau in Schwarz. Die Kolonnen der Autos erscheinen im Rot ihrer Rücklichter und durchfließen die Stadt wie rote Blutkörperchen.
Der Himmel wird nun nicht von oben, sondern von unten beleuchtet. Die Lichtverschmutzung der Großstadt tönt das den schwarzen Himmel in ein dreckiges Gemisch aus dunklem Grün und Lila.
Auf Straßenniveau würde man sehen, dass sich auch das Erscheinungsbild der Ladengeschäfte ändert. Überall sind nun Rolltore aus Stahl vor die Schaufenster gefahren. Ein Schaufensterbummel wie in Europa ist nach Einbruch der Dunkelheit undenkbar. Aber die Beleuchtung der Eingangsbereiche ist weiterhin eingeschaltet. Zu später Stunde findet sich das Heer der Obdachlosen vor den Geschäften ein. Die meisten von ihnen haben einen Stammplatz. Aus nahe gelegenen Verstecken schleppen sie nun ihre wenigen Habseligkeiten und Pappunterlagen herbei. Ihnen bleibt für die Nacht nur die scheinbare Sicherheit der angestammten Gruppe. Während alles schläft, wacht einer der Gruppe über sie.
Von Osten her erstrahlt sporadisch der einsame Leuchtturm in der Nacht.

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