Das spiegellose Zimmer

Sie nahm seinen Arm und tätschelte darauf herum, als sei er ihr Großvater. Sie lachte ihn an und sagte: “Heute wollen wir wirklich tanzen gehen.”

Er seufzte und legte seine Hand auf die Ihre.

“Jawohl, mein Engelchen, heute gehen wir tanzen. Warum ziehst Du Dich nicht rasch um und machst Dich hübsch?”

Langsam und etwas wackelig erhob sich Hannelore von ihrem Stuhl. Offensichtlich hatte sie lange gesessen. Günter fasste sie am Arm und geleitete sie ohne jede Hast zum Kleiderschrank. Blitzartig richtete der alte Mann seinen Blick auf das Möbelstück und war beruhigt.
Das Altenheim hatte den Spiegel von Hannelores altem Kleiderschrank entfernen lassen. Seine Frau, die beiden waren mittlerweile fast 50 Jahre lang verheiratet, war erst vergangene Woche, mit ein paar wenigen ausgesuchten Möbelstücken, in das kleine Zimmer mit Bad, der Klinik Sonnenschein eingezogen.
Er besuchte sie seither täglich, aber meistens erkannte sie ihn nicht. Ohnehin saß Hannelore die meiste Zeit schweigend am Tisch oder lag apathisch in ihrem Bett, dieser medizinischen Variante mit Rollfüßen und Fernbedienung, mit der man den Lattenrost ganz oder geteilt rauf und runter fahren konnte.
Am Vortag, so hatte ihm die Frau vom Empfang erzählt, war Hannelore allein zum Schrank gegangen und hatte einen langanhaltenden Schreikrampf bekommen. Im Spiegel hatte sie statt eines jungen Mädchens, eine alte Frau mit wirrem schlohweißem Haar erblickt. Selbst nach einigen Augenblicken war sie nicht in der Lage gewesen, sich mit ihrem Spiegelbild zu identifizieren.
Wenigstens hatte sie so laut geschrien, dass die robuste Pflegerin aus der Ukraine, die für die Alten auf dieser Station zuständig war, sofort herbei gerannt kam und mit dem Wissen über Hannelores Demenz, sofort den Ernst der Lage erkannt. Über das Zimmertelefon rief sie den Notruf. Derweil hatte Hannelore wie ein kleines Mädchen geheult und geschrien.
Erst als der Notdienst eingetroffen war, hatte man das Häufchen Elend medikamentös beruhigen können.
Jetzt, da der Spiegel entfernt worden war, war die Gefahr gebannt. Zwischenzeitlich hatte Hannelore den Kleiderschrank geöffnet und hielt sich eine weiße Bluse vor den praktischen, aber hässlichen Frottee Jogginganzug, in den man seine Frau vermutlich schon vor dem Frühstück geholfen hatte und Günter schrecklich grotesk fand.

“Alle Mädchen wollen küssen
und von der Liebe alles wissen
und möchten nichts vom Glück vermissen,
sie wollen alle glücklich sein,
sie wollen alle glücklich sein.”

Seine Gefährtin trällerte verzückt vor sich hin, während Günter sie galant zum Bett geleitete.

“Glaubst Du Opa, dass sie heute Abend auch Peter Kraus spielen? Der ist ja sowas von fesch. So einen will ich mal heiraten.”

Hannelore sah den Mann fragend an, aber dieser wusste nichts zu erwidern. Er konnte sich nicht an die Momente gewöhnen, in denen sie ihn mit anderen Personen aus der Vergangenheit verwechselte.

“Peter Kraus! Opa kennst Du den nicht? Der und die Conny Froboess sind doch ganz große Stars. Alle Mädchen in meiner Klasse sind in den verliebt.”

Günter schaute von ihr weg, während er verzweifelt nach einer Antwort suchte. Außerdem versuchte er ein paar Tränen vor ihr zu verbergen.

“Aber ja Kind”, antwortete er stockend, “Peter Kraus kenne ich noch aus meiner Jugend.”

Hannelore setzte eine gespielte ernste Miene auf:” Klar Opa, ich wette, als Du in meinem Alter warst, da habt ihr Wiener Walzer getanzt.”

Günter setzte dazu an, den Reißverschluss ihrer Jacke zu öffnen, aber Hannelore schlug kess seine Hand weg.

“Dreh’ Dich um Opa, ich bin keine Vier mehr.”

Der alte Mann ging die Paar Schritte zum Tisch und sah aus dem Fenster. Er hatte früher gerne mit ihr getanzt. Allerdings wurden zu der Zeit schon die Beatles, die Stones und die Animals gespielt. Jeden Samstagnachmittag hatte er sie, nach der Arbeit, bei einer Freundin abgeholt. Bei der Freundin, denn ihr Vater hatte davon nichts wissen dürfen.
Günter blickte hinaus auf die Parkanlage. Die Sonne schien und tauchte den Park in warmes Sommerlicht. Auf den Wegen drehten Rentner einsam mit ihren Rollatoren ihre Runden und die meisten Bänke waren ebenfalls von Heimbewohnern, teils allein, teils mit Angehörigen, besetzt. Einen Moment lang, sah Günter zu, wie einige von Ihnen die Tauben fütterten.

“Bist Du soweit Kleines?”

Er drehte sich zu seiner Gattin um und wurde gewahr, dass sie sich zwischenzeitlich in Faltenrock und Bluse gekleidet hatte und sich mit einer Bürste in der Hand auf den Weg ins angrenzende Badezimmer machen wollte. “Mist, der Spiegel”, erschreckte er sich. Aber auch das Exemplar über dem Waschbecken war vorausschauend entfernt worden.

“Wo sind nur alle Spiegel hin?”

Auch Hannelore hatte, am Waschbecken angekommen, das Fehlen jeglicher Spiegelfläche entdeckt.

“Kaputt”, antwortete er ihr, “aber lass nur. Deine Frisur ist perfekt.”
“Zum Glück”, dachte Günter, “scheint sie sich noch nicht zu schminken.”

Suchend sah er sich nach dem Telefon um. Er fand es auf einer kleinen Kommode stehend und ging die darauf notierten Kurzwahlen durch. Er wählte. Am anderen Ende wurde sofort abgenommen.

“Hirsch hier”, flüsterte er leise in die Sprechmuschel, “ich möchte mit meiner Frau tanzen. Sind sie darauf eingerichtet?”

Aber die Gegenseite verstand kein Wort: “Lauter, bitte. Ich versteh’ sie nicht.”

Er wiederholte sein Anliegen in normaler Lautstärke: “Meine Enkelin und ich wollen tanzen. Wo kann ich mit ihr hingehen?”

Am anderen Ende wurde gekichert: “Nun, wenn Sie mit der Kleinen hier im Hause bleiben wollen, dann gehen Sie einfach in den Aufenthaltsraum im ersten Stock. Dort gibt es einen CD-Player und auch eine Musiksammlung mit Hits der letzten Jahrzehnte.”

Günter legte den Hörer auf und hakte Hannelore, die vom Gespräch nichts mitbekommen zu haben schien, am Ellenbogen unter. Gemeinsam schritten Sie gemächlich durch die Zimmertür und den Flur entlang Richtung Aufzug.

Auf dem schmucklosen Flur begegneten Sie der Pflegerin, mit der er soeben noch am Telefon gesprochen hatte.

“Hallo Frau Hirsch, sie haben Sich aber schick gemacht. Gehen Sie tanzen?”

“Ja, mit meinem Mann.”

Hannelore Hirsch lächelte die Frau im weißen Kittel freundlich an. Für den Augenblick hatte der Klang ihres angeheirateten Nachnamens sie aus der Vergangenheit zurückgeholt. Bis in den Abend tanzte das Paar gemeinsam, unterhielt sich vertraut miteinander und hielt sich gegenseitig im Arm.
Nach dem gemeinsamen Abendessen brachte er Sie zurück auf ihr Zimmer, half ihr in ihr Nachthemd und ins Bett. Er küsste Sie zum Abschied und verließ das Gebäude.
Im Taxi dachte er bereits an den nächsten Tag. Er hoffte, dass sie ihn erkennen werden würde, aber er glaubte nicht daran.